12_Hofhaus
"Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen" (Goethe)

Zugegeben, der lapidare Titel des Projektes ist provokativ – aber so ist er ja auch gemeint. Während das traditionelle japanische, jemenitische, amerikanische, schweizerische oder türkische Haus ganz selbstverständlich als Inspiration der Gegenwartsarchitektur herangezogen wird, erscheint die Frage nach den regionalen Wurzeln und eventuell verschütteten Traditionen des ländlichen und städtischen Bauens im deutschsprachigen Raum immer noch erklärungs-, ja fast entschuldigungsbedürftig.

Wir haben uns dieser Frage bewusst unbelastet nicht als Bauforscher, Volkskundler oder Regionalhistoriker genähert, sondern als Architekten. Unser Interesse galt der Vielfalt der Haustypen, die wir in ihrer Konstruktion, Funktionalität, Materialität und individuellem Kontext kennenlernen und neu zum Sprechen bringen wollten. Unser genuines Medium ist nicht die verbalisierte Analyse, sondern das dreidimensionale, maßstäbliche Modell. Wir beschreiben nicht, wir konstruieren. Wir wollten durch das Nachbauen begreifen, nicht von oben herab erklären. Und wir glauben an die Anschaulichkeit als Mittel der Erkenntnis. Nun wollen wir auch andere an den Ergebnissen unseres Seminars teilhaben lassen. Deshalb wurde von uns eine Ausstellung von zwölf Modellen zusammengestellt, die alle Architekturinteressierten in eine fremde, unbekannte, exotische Welt entführen soll: Den traditionellen Hausbau zwischen Nordsee und Alpen.

Wir wollten aber nicht nur das jeweils Eigenartige, sondern auch das Vergleichbare zeigen. Deshalb haben alle Häuser den gleichen Maßstab (1:50) und sind im selben Abstraktionsgrad, weitgehend losgelöst von ihrer ursprünglichen Umgebung, aus weißer Pappe und lackierten Holzprofilen handwerklich konstruiert: So, als ob sie einem gegenwärtigen Entwurfsprozess entstammten. Diese Reduktion im Material erlaubt eine Konzentration auf den genuin architektonischen Gehalt des einzelnen Objektes und erleichtert uns als Menschen des 21. Jahrhunderts den Zugang.

Wir haben viel gelernt beim "Nachbauen". Vor allem die Bewunderung für Hausindividuen, die wir hier dennoch als Vertreter bestimmter "Haustypen" vorstellen, weil wir glauben, dass es neben dem Unverwechselbaren auch das Charakteristische gibt.

Wir würden uns freuen, wenn Sie Lust darauf bekämen, unsere Modelle nicht nur virtuell, sondern real zu umrunden und zu erkunden, sie dreidimensional vor sich zu sehen. Deshalb haben wir diese Wanderausstellung konzipiert.

Interesse? Kontaktieren sie uns!
Team:
Blettrup, Volkert, Kiefer, Moll, Hamm, Fischer, Esmer, Haunerdinger, Bohnstaedt, Helm, Dasberg,
Frell, Ackermann, Hampe, Bleser, Gruber, Kirst, Trapp, Erlenkämper, Neff, Brühl

Technische Universität Darmstadt
Fachbereich Architektur
El-Lissitzky-Str.1
D-64287 Darmstadt


Fg Kunstgeschichte
Dr. Meinrad v. Engelberg
Tel.: 06151-16-3230
Fax: 06151-16-6014

und

Fg Entwerfen und Hochbaukonstruktion
Prof. Wolfgang Lorch
Dipl. Ing. Britta Fritze
Tel.: 06151-16-4713
Fax: 06151-16-3437


Kontakt & Katalogbestellung unter:

info@das-deutsche-haus.net
Ausstellungsorte

27.06.2011 19Uhr     Werkbund Berlin

07.06.-18.06.2011     im KAZ (Kasseler Architektur-Zentrum)

08.11.-28.11.2011     in der Sparkasse Darmstadt

1_Das Gulfhaus



Der hier im Modell gezeigte "Rote Haubarg" vertritt einen Einhaustypus, der an der Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste erst im Zusammenhang mit deutlich verbesserten landwirtschaftlichen Erträgen durch eine um 1700 aus den Niederlanden übernommene Wirtschaftsweise entstand. Es handelt sich bei den sog. Gulfhäusern um konstruktiv höchst anspruchsvolle hölzerne Skelettbauten, die unter ihrem mächtigen Reetdach Platz für verschiedenste Funktionen, vor allem aber zur Speicherung für saisonal große Heu- und Getreidemengen ("Heuberg") bietet.


2_Das Flettdeelenhaus



Dieser vor allem in Norddeutschland verbreitete Typ des sog. Hallenhauses (unser Beispiel, der Hof Rohlfing, steht in Rahden im nördlichen NRW) fasst alle Funktionen des Gehöfts in der denkbar knappsten, stringent organisierten Form zusammen. Nicht der relativ schmale Wohntrakt, sondern die Wirtschaftsseite mit dem Scheunentor bildet hier die repräsentative Hauptansicht. Im Zentrum des Hauses steht die Diele, die sich beim Wohntrakt zum Flett, dem die ganze Hausbreite einnehmenden zentralen Arbeitsraum erweitert.


3_Das "Schwarzwaldhaus"



Unter diesem simplifizierenden Namen ist ein Haustyp bekannt geworden, der hier durch den Hippenseppenhof des Freilichtmuseums Gutach repräsentiert wird: Er nimmt in besonderer Weise auf die ortstypische Hanglage Bezug, indem der Scheunenteil des Einhauses hier über Stall und Wohntrakt angeordnet ist, und durch eine Rampe "von oben" bewirtschaftet werden kann. Bauklimatisch erweist sich dieser "Puffer" über den beheizten Räumem als besonders günstig.


4_Das alpenländliche Einhaus



Der hier vorgestellte kleine Bauernhof aus Schongau unterscheidet sich von anderen Einhaustypen durch die Kombination verschiedener Bautechniken (Massivbau, Holzskelett, Blockbau) und die quergerichtete Erschließung, welche das Haus in mehrere, scheinbar sekundär zusammengefügte Kompartimente untergliedert, die in ihrer Eigenständigkeit an der Fassade ablesbar bleiben.


5_Der Vierseithof



Der besonders in Oberösterreich verbreitete Vierseithof, auch "Vierkanter" genannt (hier ein Beispiel aus St. Ulrich bei Steyr) stellt typologisch betrachtet ein Verbindungsglied zwischen Einhäusern und Hofanlagen da: Nach außen ein scheinbar homogener, geschlossener Block, erweist sich dieser Haustyp im Inneren als eine erstaunlich differenzierte Anlage, die unter einem Dach Massiv- und Skelettbau, Gewölbe und leichte Holzkonstruktionen, repräsentativen Wohntrakt und Viehställe miteinander verbindet.


6_Die ländliche Hofreite



Im Unterschied zu den Einhaustypen (Kat. 1-4) besteht das für den deutschen Mittelgebirgsraum typische Gehöft aus einer lockeren, um einen Freiraum gruppierten Anlage konstruktiv und funktional getrennter Einzelgebäude, meist aus Fachwerk. Der Hof Adam Schwöbel in Vöckelsbach im Odenwald zeigt, dass die sog. "Hofreite" besonders gut auf Niveauunterschiede im Gelände reagieren kann. Die Einzelgebäude Wohnhaus, Stall und Scheune können jeweils flexibel ersetzt, ergänzt, erweitert und verändert werden.


7_Das kleinstädtische Gehöft



Zwischen ländlichem und städtischem Bauen steht diese Hofanlage aus dem fränkischen Prichsenstadt. Sie verbindet ein traufständiges Fachwerk-Wohnhaus mit um einen Hof gelegenen Nebengebäuden, die auf raffinierte Art über Treppen und Laubengänge zu einer vielgestaltig differenzierten Einheit miteinander verbunden sind.


8_Das Siedlungshaus



Als süddeutsches Äquivalent zu den (oft ebenfalls als Stiftungen geführten) Gängehäusern Norddeutschlands (Kat. 9) bietet die Fuggerei in Augsburg, bekannt als die "älteste Sozialsiedlung der Welt", das interessante Beispiel eines stadträumlich differenziert gestalteten, in sich abgeschlossenen kleinstädtischen Quartiers mit mehrgeschossigen, repräsentativ gestalteten Typenhäusern der Renaissance, die in ihrer inneren Organisation auf den modernen Wohnungsbau vorausweisen.


9_Das Gängehaus



Diese in den norddeutschen Hansestädte im Spätmittelalter entwickelte Form des städtischen Gemeinschaftswohnungsbaus (hier: Sievers Torweg) nutzt die für Lübeck typischen tiefen und schmalen Parzellen, in dem zwei gegenüberstehende schmale Hausreihen mit Mietwohnungen einen gangartigen Hof einschließen und so einen charakteristischen halböffentlichen Wohn- und Straßenraum definieren.


10_Das Dielenhaus



In diesem Modell sind - ausnahmsweise idealtypisch – charakteristische Eigenschaften des Lübecker Dielenhauses in drei verschiedenen historischen Stufen dargestellt. Das Dielenhaus entstand aus einem Einraum mit einer mehrgeschossigen multifunktionalen Halle, der Diele, und darüber befindlichen Speichern, die über eine Seilwinde in der Hausmitte bedient werden konnten. Das Modell zeigt in drei Stufen die charakteristischen Wandlungen der Binnen- und Fassadenstruktur von der Gotik bis zum Barock.


11_Das Hallenhaus



Das Görlitzer Hallenhaus, hier das Haus Untermarkt 3, ist ein typisches spätgotisches Kaufmannsanwesen für den in Niederschlesien vorherrschenden Waid- und Textilhandel. Auf einer langen, schmalen Parzelle gelegen, wird es von der Platzseite über einen Laubengang erschlossen. Im Kern der Anlage befindet sich eine überwölbte Treppenhalle, die alle Geschosse und Gebäudeteile des Vorder- und Hinterhauses zusammenbindet.


12_Das Hofhaus



Dass die Anwendung eines bestimmten Haustypus nicht von Grundstücksgröße und Zuschnitt, sondern vor allem von der regionalen Baugewohnheit bestimmt wird, zeigt dieses Beispiel aus der Burgstraße in Nürnberg: Auf ungewöhnlich schmaler Parzelle wird hier dennoch eine Dreiflügelanlage mit Laubengängen um einen Innenhof gruppiert. Der Blick ins Innere zeigt Details wie die gewölbte Eingangshalle und die auf engstem Raum geführte, dennoch repräsentative Treppenanlage.